Gegenwartsliteratur

Zum Meer | Kathrin Groß-Striffler

07:48

Kathrin Groß-Striffler_Zum Meer_ Rezension

Saskia ist Anfang 20, Mutter, Nomadin und vor allem völlig überfordert. Mit sich selbst, mit dem Leben, mit der Liebe und vor allem mit ihrem Kind. Mit dem Leben in Deutschland kommt sie nicht klar, ihre Flucht nach Brasilien scheiterte aber auch. In diesem Strudel namens Leben, zwischen Depression und Windeln, versucht Saskia ihre Träume vom Reisen und dem Leben in der Ferne zu verwirklichen. Dafür trifft sie eine radikale Entscheidung.

Kathrin Groß-Striffler schreibt wie das tosende Meer. Mit ihren Worten hat sie mich immer wieder gepackt, mit den Wellen zurückgezogen, durch das Wasser gewirbelt und wieder an Land gespült. Manche Sätze brennen dabei wie Salzwasser in den Augen und schürfen die Knie auf, als wäre man zu fest über sandigen Boden gerutscht.

"Aus Langeweile mache ich mir eine Liste, was ich will: Spontan will ich sein, reisen, wenn mir danach ist, Sex haben, wenn mir danach ist, ins Kino gehen, wenn mir danach ist, ich will mich nicht gängeln lassen, selbst von Mia nicht, ich krieg Zustände, wenn ich gegängelt werde, ich muss aufpassen, dass mir das nicht auch hier passiert, auf der Insel, die Tante hat ihr Netz schon ausgelegt, aber da irrt sie sich, ich passe auf." (Tolino Seite 45)

Saskia ist eine unbequeme Protagonistin, weil es schwer ist, sie zu mögen. Sie ist überheblich und arrogant, sie findet fast alles scheiße, Regeln kennt sie nicht an, sie ist sofort beleidigt und eingeschnappt und ständig genervt. Auf der anderen Seite sieht man aber auch deutlich, dass sie völlig überfordert ist, dass sie dringend Hilfe und Unterstützung braucht, diese auch sucht aber nicht findet. Und dann lastet auf dieser völlig zerrüttelten Persönlichkeit, deren Träume längst von der Realität erstickt wurden, auch noch die große Verantwortung für ihre kleine Tochter Mia, die sie liebt und gleichzeitig verflucht.

"Ein paar Tage später kriegt Mia Schnupfen. Wieder mal. Und sie quengelt rum, will auf meinen Schoß, will nicht essen, lässt mich nicht aus den Augen, ich kann keinen Schritt ohne sie machen, ich werde verrückt, ich halte das nicht aus, ich schrei sie an, und wenn sie dann weint, heul ich gleich mit, ich bin wohl die unfähigste Mutter, die auf diesem Planeten rumläuft, ganz bestimmt bin ich das." (Tolino S. 135 - 136)

In "Zum Meer" greift die Autorin Kathrin Groß-Striffler verschiedene Themen auf. Dabei scheut sie auch vor Tabuthemen nicht zurück, sondern schafft es, diese geschickt miteinander zu verknüpfen. Trotz der thematischen Vielfalt ist der rote Faden in der Geschichte immer zu erkennen. An keiner Stelle wirkt die Geschichte überladen.

"Moralisch sein kann man nur, wenn man zu den Gewinnern gehört." (Tolino Seite 80)

Im Laufe des Romans trifft Saskia eine sehr radikale Entscheidung, welche gesellschaftlich nicht anerkannt ist. Verurteilen konnte ich Saskia für diese Entscheidung aber nicht. Und spätestens dies war für mich der Punkt, der sehr deutlich gemacht hat, dass die Autorin mit ihrem Roman alles richtig gemacht hat. Kathrin Groß-Striffler hat ein beeindruckendes Portrait geschaffen und somit denen eine Stimme gegeben, deren Stimme wir alle nur zu oft überhören.

Zum Meer | Kathrin Groß-Striffler | Aufbau Verlag | 2014 | Hardcover | 252 Seiten | ISBN: 978-3351032913 | Preis Printausgabe: 19,95€ | Preis E-Book: 15,99€

Buchliebe

9 lesenswerte LGBTI-Buchempfehlungen

07:00


In meiner späten Jugend war ich neugierig auf das Leben und die Liebe und irgendwo auch ein
wenig unsicher bezüglich meiner eigenen Orientierung. Schon damals habe ich etwas gemacht, was ich auch heute noch mache; wenn mich ein Thema beschäftigt dann lese ich alles mögliche darüber, von Sachtexten zu Romanen. Und so kam es, dass ich damals einige lesbische Liebesgeschichten gelesen habe. Einige Jahre später fing ich an, mich für Transsexualität und Travestie zu interessieren, weil dies Themen von Menschen aus meinem näheren Umfeld waren. Und auch heute lese ich noch gerne Bücher, in denen die Protagonisten von der in großen Teilen der Literatur vorherrschenden Heteronormativität abweichen, auch wenn ich inzwischen sicher weiß, dass ich hetero bin.

Ich finde es sehr schön, dass diese Themen so langsam auch in der deutschen (Jugendbuch-) Literatur häufiger thematisiert werden. Und so habe ich mich zum Beispiel sehr auf "Den Mund voll ungesagter Dinge" von Anne Freytag gefreut. Nachdem ich jedoch einige Rezensionen wie diese oder diese gelesen habe, habe ich beschlossen, dieses Buch vorerst nicht zu lesen. Die in den Rezensionen angesprochenen Kritikpunkte würden mich zu sehr stören. Wenn es mir irgendwann einmal in der Bibliothek begegnet, werde ich sicher mal reinlesen, aber auf meiner Wunschliste steht das Buch nicht mehr.

Deswegen möchte ich euch heute einige Bücher vorstellen, in denen die Hauptfiguren queer sind. Die Bücher sind zum größten Teil schon etwas älter, aber dennoch absolut lesenswert.

In "Ich gebe dir die Sonne" von Jandy Nelson entdeckt Noah dass er schwul ist. Die Autorin beschreibt sehr gefühlvoll wie schwierig es sein kann, sich selbst und die eigene Sexualität zu entdecken und erste Erfahrungen zu sammeln. Noahs Homosexualität steht nicht im Vordergrund der Geschichte, erhält aber dennoch genügend Raum um keine bloße Randerzählung zu sein.

"Venusneid" von Rita Mae Brown ist leider nur noch gebraucht erhältlich, da das Buch schon älter ist. Das sollte aber nicht vom Lesen abhalten. Das Buch erzählt die Geschichte der 35 jährigen Frazier, die nach einer schlimmen ärztlichen Diagnose Abschiedsbriefe an alle schreibt und sich einerseits schonungslos ehrlich über die Empfänger der Briefe auslässt und sich andererseits als Lesbe outet. Dumm nur, dass sich die Diagnose als Fehldiagnose rausstellt und Frazier doch nicht stirbt. Beim Lesen erhält man einen guten Einblick in den Umgang der amerikanischen Gesellschaft mit Homosexualität in den 90er Jahren. Das Buch ist bisweilen bitterböse und schreiend komisch. Am Ende gibt es eine Wendung, welche ein wenig gewöhnungsbedürftig war, dennoch finde ich das Buch lesenswert.

"Bilder von ihr" von Karen-Susan Fessel erzählt die sehr berührende Liebesgeschichte zwischen der ruhelosen Einzelgängerin Thea und der Reisefotografin Suzanna, die das genaue Gegenteil von Thea zu sein scheint. Die beiden Frauen sind zwar lesbisch, ihre Homosexualität steht aber nicht im Vordergrund der Geschichte. Es geht um Liebe, um Sehnsucht, ums ankommen und darum Nähe zulassen, aber auch um Trauer und Verlust. "Bilder von ihr" ist wundervoll geschrieben, zärtlich, aber auch melancholisch und aufwühlend.

Und gleich noch einmal Karen-Susan Fessel. Weil die Frau einfach schreiben kann. "Bis ich sie finde" habe ich inzwischen mehrfach gelesen und es gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Uma ist ein Frauenschwarm, steht mitten im Leben und verliebt sich unsterblich in die hübsche Jane, die früher ein Mann war. Doch Jane weist sie ab und Uma versucht, ihr Leben fortzusetzen, was ihr nicht gelingt, weil sie Jane einfach nicht vergessen kann. Und so macht sich Uma auf die Suche nach Jane. Mich hat diese Geschichte nicht nur tief berührt, sondern auch nachhaltig geprägt.


Sage und Logan sind die Hauptfiguren in Brian Katchers Jugendbuch "Almost perfect". Logan ist von allen Menschen enttäuscht und vertraut niemandem mehr. Doch dann trifft er Sage, die immer lächelt und er entwickelt Gefühle für sie. Nach einem ersten Kuss vertraut Sage ihm ihr größtes Geheimnis an: sie wurde als Junge geboren. Verletzt und wütend zieht Logan sich von ihr zurück. Doch dann merkt er, dass er Sage einfach nicht vergessen kann. "Almost perfect" ist eine zarte, emotionale Geschichte mit Tiefgang, die nicht nur Transsexualität, sondern auch Freundschaft, Vertrauen und verliebt sein thematisiert. Eine deutsche Übersetzung ist leider nicht geplant, das Buch lässt sich aber auch auf Englisch sehr gut lesen.

Auch "Finding Alex" von Kathrin Schrocke habe ich sehr gerne gelesen. Tobias schwärmt von Ira, die ihn sehr beeindruckt hat. Als sie sich tatsächlich mit ihm verabredet und er zum ersten Mal bei ihr zu Hause ist, sieht sie Alex im weiten Kimono und mit den schönen langen Haaren. Tobias kann seinen Blick nicht von Alex abwenden und ist verwirrt, denn Alex ist kein Mädchen, sondern Iras Bruder. Und trotzdem kann er Alex einfach nicht vergessen. Sehr gefühlvoll erzählt die Autorin die Geschichte von Tobias und Alex, in welcher man wirklich schöne Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt der beiden Hauptfiguren erhält. Besonders das Ende der Geschichte fand ich toll.

"Irgendwo im Glück" von Anna McPartlin spielt im konservativen und katholischen Irland der 90er Jahre. Das Buch zeigt,wie schwierig es sein kann, als Jugendlicher zu entdecken schwul zu sein und setzt sich sehr mit den Themen Selbstakzeptanz und Coming Out auseinander. Dabei stehen diese Themen nicht im Vordergrund, tragen jedoch sehr zur Entwicklung der Geschichte bei. Ich würde das Buch gar nicht unbedingt als LGBTI-Buch bezeichnen und auch in der Buchhandlung findet man es wohl eher bei den Schmökern. Da Homosexualität jedoch eine Rolle spielt und für die Geschichte unverzichtbar ist, habe ich es in diese Aufzählung aufgenommen.

Nicht mit auf den Bildern sind die Romane von Mirjam Müntefering, weil ich sie aus Platzmangel im letzten Jahr aussortiert habe. Ihre Bücher habe ich früher unheimlich gerne gelesen. Sie schreibt sehr lebensnah, aber auch gefühlvoll und je nach Buch auch witzig. In besonders guter Erinnerung behalten habe ich "Flug ins Apricot" und "Apricot im Herzen". In den beiden Büchern geht es um zwei sechzehnjährige Mädchen, die sich ineinander verlieben. Neben der ersten Liebe behandeln die Bücher jedoch auch das Coming Out und die Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz durch die Familie. Die Autorin setzt sich also mit sehr existentiellen Fragen auseinander, was ich sehr authentisch finde.

Ebenfalls nicht auf den Bildern, (weil ich es beim fotografieren vergessen habe) ist "Plattenbaugefühle" von Jannis Plastargias. Der Roman erzählt die deutsch-türkische
Liebesgeschichte von Jonas und Afyon mit all ihren Höhen und Tiefen. Der Autor gibt der Geschichte ihre ganz eigene Tiefe, was mir beim Lesen wirklich gut gefallen hat.

Kennt ihr eines der Bücher? Habt ihr weitere zur Thematik passende Buchempfehlungen für mich?

Gegenwartsliteratur

Die Terranauten | T.C. Boyle

12:55


Anfang der 90er Jahre lassen sich vier Frauen und vier Männer, die Terranauten, auf ein wissenschaftliches Experiment ein. Zwei Jahre lang leben sie in einem geschlossenen Ökosystem namens "Ecosphere 2“ unter einer riesigen Glaskuppel. "Nichts rein und nichts raus" ist das Motto der Mission. Unter ständiger Beobachtung der Medien, neugierigen Touristen und den Leitern des Experiments, Mission Control, durchleben die 8 Terranauten Hunger, harte Arbeit und monotone Tagesabläufe. Der anfänglich herrschende Teamgeist schwindet nach und nach und wird vollends auf die Probe gestellt, als etwas unvorhergesehenes passiert, was die ganze Mission in Gefahr bringt.

"Aber ihr seid doch keine Märtyrer, hieß es dann. Ihr seid nicht wirklich auf dem Mars. Es geht nicht um Leben und Tod. Das sagten die Leute - und vielleicht sagen auch Sie es gerade-, aber sie hatten unrecht. Ein Schwur ist ein Schwur: nichts rein, nichts raus." Seite 48

"Die Terranauten" ist mein erster Roman T. C. Boyles. Sein Schreibstil hat mir auf Anhieb wirklich gut gefallen, denn er lässt sich locker und leicht lesen. Somit ist es mir sehr schnell gelungen in die Geschichte einzutauchen. Boyle schreibt sehr bildhaft und kann sehr gut beschreiben. Als ich mir nach dem Lesen Bilder der "echten" Ecosphere 2 angeguckt haben, waren diese sehr nah an dem, was Boyle beschrieben hat, was mich noch einmal von seinem Können überzeugt hat.

Das im Roman beschriebene Experiment gab es wirklich und dieses Wissen hat den Roman für mich noch einmal realer gemacht, auch wenn die im Roman agierenden Terranauten Boyles Fantasie entsprungen sind. Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive dreier Terranauten erzählt, zwei von ihnen leben drinnen, einer draußen. Leider sind alle Figuren furchtbar unsympathisch, ich-bezogene Egoisten die wie einer Gehirnwäsche unterzogen glauben die Welt zu retten. Sympathische Charakterzüge entdeckt man an den Figuren kaum, dafür tun sich jede Menge menschliche Abgründe auf. Dieser unsympathische Haufen hat es daher oft schwer gemacht das Buch zu mögen und ich war während dem Lesen oft genervt davon. Dennoch passt dies gut zur Geschichte und auch vor dem Mut des Autors, eine Geschichte ohne irgendwelche Sympathieträger zu schreiben, ziehe ich meinen Hut.

Ich hatte mir mehr soziale Interaktion zwischen den einzelnen Terranauten erhofft. Aber irgendwie geht es nur um Sex, Tratsch und Eifersucht. Dschungelcamp meets Big Brother. Ich fand dies ziemlich belanglos und leider auch langweilig. Erst gegen Ende des Buchs werden die Beziehungen der Figuren untereinander wieder interessanter.

Die Geschichte selbst plätschert lange Zeit nur so vor sich hin und es passiert nicht wirklich etwas interessantes. Auch bleibt die Geschichte erst einmal recht oberflächlich und hält sich auch mit Informationen zurück. Mehr als einmal habe ich mich gefragt was die da eigentlich genau machen?

"Die Leute begriffen nicht, was das Besondere an E2 war: Es war eine mögliche Welt, und die Absicht war, sie im Laufe von hundert Jahren nach und nach so zu verändern, dass es eine ideale Welt sein würde." Seite 386

Die letzten 200 Seiten zu Lesen haben mir dann noch einmal einiges abverlangt. Ich war genervt von den Protagonisten und gelangweilt von der lahmen Geschichte. Keine sonderlich motivierende Mischung, dennoch wollte ich das Buch unbedingt zu Ende lesen. Gegen Ende wurde es dann aber wieder spannender, dennoch war ich froh, als ich das Buch zuschlagen konnte.

Trotz der vielen Kritikpunkte fand ich das Buch nicht so schlecht, wie es jetzt vielleicht klingt. Boyle konnte mich von seinem schriftstellerischen Können überzeugen. Dass die Figuren nicht sympathisch waren, war zwar fordernd beim Lesen, passt aber zur Geschichte. Denn ganz ehrlich, wer sich zwei Jahre lang in einen Glaskäfig schließen lässt in der Hoffnung ein bisschen Ruhm zu erlangen, ist für mich schon irgendwie besonders gestrickt. Auch das Thema an sich finde ich sehr interessant und hier hat Boyle meiner Meinung nach einiges an Potential verschenkt, denn ich glaube, das hätte man auch etwas spannender machen können. Oder alternativ um einige Seiten kürzer. Geschadet hätte weder das eine, noch das andere.

Die Terranauten | T.C. Boyle | Übersetzer: Dirk van Gunsteren | Hanser Verlag | 2017 | Hardcover | 608 Seiten | ISBN: 978-3446253865 | Preis: 26 Euro

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